Grundsätzliches

  • 1.) Allgemeines, Begriffsklärung


    Die Neigung zum Kontakt mit Urin oder Kot wird als Urophilie bzw. Koprophilie bezeichnet. Wenn es hierbei zur oralen Aufnahme der Ausscheidungen kommt, spricht man von Uro- bzw. Koprophagie. Eine Sonderform der Urophagie ist die Aufnahme von Eigenurin zu therapeutischen Zwecken, zuweilen als Mittel gegen bestimmte Leiden und Krankheiten empfohlen (z.B. Neurodermitis).


    Die extremste Form ist zweifellos die Koprophagie, also die Aufnahme von Kot. Sie kann sowohl im engeren Sinn pathologische als auch sexuelle Gründe haben. Im letzteren Fall ist sie eine extreme BDSM-Praktik, und nur damit beschäftigen wir uns hier.


    Im SM-Bereich haben sich die euphemistischen Ausdrücke Natursekt (NS) für Urin und Kaviar (KV) für Kot eingebürgert. Oft werden auch englische Wörter wie pee oder scat als weniger krass als die entsprechenden deutschen Ausdrücke empfunden, was aber keinen realen Hintergrund hat.


    2.) KV-Fetischist oder Toilettensklave?


    Dem reinen KV-Fetischisten geht es in erster Linie um die Materie als solcher, wobei es – mit individuell verschiedenen Einschränkungen – egal ist, von wem sie stammt. Beim Toilettensklaven hingegen ist die Neigung zum Kontakt bzw. zur Aufnahme mit/von NS und KV personenbezogen, sei es dass er sich devot einer bestimmten Person unterwerfen, ihr dienen, sich von ihr erniedrigen lassen will, sei es dass er eine sexuelle Lust bei der engen Verbindung zwischen dem anderen Körper und seinem eigenen empfindet. Beides ist nicht immer voneinander zu trennen und geht oft ineinander über.


    Meine weiteren Betrachtungen beschränken sich

    a) auf den Toilettensklaven und

    b) auf den Kontakt zwischen einem weiblichen Top und vorwiegend einem männlichen Sub.


    3.) Gesellschaftliche Einschätzung


    Im Gegensatz zu den meisten anderen BDSM-Praktiken, die zwar auch von der Mehrheit abgelehnt werden, aber heutzutage nicht unbedingt zur gesellschaftlichen Diskriminierung führen, wird sexuell bedingte Uro- und ganz besonders Koprophilie von der Gesellschaft als extrem abartig, ekelhaft, krankhaft betrachtet. (Mit dem Problem, inwieweit diese Praktiken, wenn sie zur unwiderstehlichen Sucht werden, tatsächlich krankhaft sind und einer psychotherapeutischen Behandlung bedürfen, möchte ich mich hier nicht beschäftigen; ich kann es aber nicht ganz ausschließen.)


    Selbst „normale“ BDSM-Anhänger blicken oft mit Abscheu und Geringschätzung auf NS- und vor allem KV-Liebhaber herab, obwohl man von ihnen eigentlich zumindest Toleranz erwarten sollte.


    Es wird wohl wenige geben, die sich mit diesen Neigungen im privaten (Verwandte, Bekannte) oder beruflichen Umfeld outen; ich zumindest kenne kaum jemanden. Im Gegenteil, die meisten werden es als Katastrophe empfinden, wenn es irgendwie „herauskommt“, und das nicht zu Unrecht, denn als Folge davon kann es zum Bruch mit Verwandten oder Freunden oder gar zu beruflichen Problemen kommen.


    Gewiss, die Zeiten haben sich geändert. Homosexualität z.B. wurde früher gesellschaftlich geächtet und strafrechtlich verfolgt (der berühmte ehemalige §175 StGB), während heute ein Regierender Bürgermeister von Berlin sich ganz offiziell als Schwuler bekennen kann, ohne dass ihn dies in seinem Ansehen und seiner politischen Funktion beeinträchtigt. Beim „normalen“ BDSM hat sich dies, wie oben erwähnt, auch schon angebahnt, und es wird sicher nicht mehr lange dauern, bis man genau so unbedenklich sagen kann „Ich bin Masochist“ wie man heute sagen kann „Ich bin schwul“. Theoretisch könnte sich eine ähnliche Entwicklung auch beim Toilettensex ergeben, aber – davon bin ich leider überzeugt – eben nur theoretisch, zumindest in absehbarer Zeit.


    Mit diesen Tatsachen muss der Toilettensklave leben, da hilft alles nichts!


    Von dem seltenen Glücksfall, dass Toilettensex zwischen Partnern praktiziert wird, können die meisten nur träumen. Immerhin kenne ich solche Fälle, wo sich Toilettenspiele zwischen zwei Partnern allmählich ergeben haben oder wo sich zwischen einer Domina und einem Gast eine echte Partnerschaft entwickelt hat.


    4.) Erniedrigung


    Es ist zweifellos eine der extremsten Formen der Erniedrigung, einer Dame als Toilette zu dienen. Der Toilettensklave tritt an die Stelle eines in jeder Wohnung vorhandenen Einrichtungsgegenstandes, in den man seine Notdurft verrichtet, um sie dann schnellstens herunterzuspülen und sowohl den Körper als auch den Gegenstand zu reinigen. Die Toilette ist ein Tabuort, in dem jeder streng für sich allein ist, zumindest in unseren Kulturkreisen. Und anstelle dieses kalten, toten Gegenstandes tritt nun ein Mensch, ein warmes Wesen aus Fleisch und Blut, auf dem die Ausscheidungen abgeladen werden und der sie eventuell sogar aufnimmt und „entsorgt“. Eigentlich unvorstellbar!


    Aber dieser Mensch empfindet eine große Lust dabei, sich seiner Herrin, zu der sich hingezogen fühlt, die er verehrt, total zu unterwerfen, ihr in jeder Hinsicht zu dienen. Vielleicht findet er das, was er tut, selbst widerwärtig und ekelhaft, vielleicht muss ihn die Lady sogar zwingen, es zu tun, aber er tut es trotzdem, genau wie er vielleicht körperliche Schmerzen oder verbale Kränkungen von ihr hinnimmt, obwohl er kein ausgesprochener Masochist ist. „Ich bin Ihr ergebener Sklave, machen Sie mit mir, was Sie wollen, was Ihnen selbst Freude und Befriedigung verschafft.“ (Wobei er natürlich davon ausgeht, dass sie seine im Vorfeld benannten Tabus beachtet, wie im gesamten BDSM üblich.)


    Dieser „devote“ Toilettensklave empfindet nach einer gelungenen Session eine große Genugtuung darüber, dass es ihm gelungen ist, die Bedürfnisse seiner Herrin zufrieden zu stellen.


    5.) Sexueller Kontakt


    Bei dem Ausdruck „Sexueller Kontakt“ denkt der normale Mensch in erster Linie an Geschlechtsverkehr, an die direkte innige Vereinigung zweier Körper. Aber auch beim Toilettensex geht es um die Vereinigung zweier Körper, nur ist sie eben indirekt. Der Sklave empfängt etwas, was aus dem Inneren des Körpers seiner verehrten Herrin kommt, sei es äußerlich, sei es – und nur dann ist die „Vereinigung“ komplett – dass er ihre Gaben in seinen eigenen Körper aufnimmt. Dieser Vorgang ist von seiner Seite – und im Idealfall von beiden Seiten – mit einem großen sexuellen Lustgefühl verbunden. Es ist sehr gut möglich, dass in diesem Falle die „Erniedrigung“ gar nicht mehr als Erniedrigung empfunden wird, sondern im Gegenteil als Zuwendung, als Belohnung, als Geschenk. Vielleicht sagt der Gaumen, wenn er den NS oder KV der Herrin empfängt, „abscheulich!“, aber der Kopf (oder von mir aus das Herz) sagt „herrlich!“


    Das ist genau das, was man Leuten, die dieser Praxis ablehnend gegenüber stehen, nicht oder kaum vermitteln kann. Abgesehen davon dass es für sie selbst nicht in Frage kommt, sind sie auch nicht imstande, es für andere nachzuvollziehen oder auch nur zu akzeptieren. Das ist, was ich die große Isolation des Toilettensklaven nenne. Nur mit Gleichgesinnten kann er sich wirklich austauschen, was übrigens den Erfolg der einschlägigen Foren ausmacht.


    Bei dem einen überwiegt die devote Einstellung (Abschnitt 4), beim anderen die sexuelle (Abschnitt 5), wieder bei anderen geht beides ineinander über und ist gar nicht streng zu trennen. Ganz abgesehen davon, dass ja auch das Gefühl der Erniedrigung eine sexuelle Komponente hat.


    Je länger ich darüber schreibe, desto deutlicher wird mir bewusst, wie verdammt schwer es ist, die Empfindungen und Gefühle einer „Human Toilet“ objektiv darzustellen. Menschen – auch Toilettensklaven – sind Individuen, nicht jeder empfindet und fühlt gleich. Nur eines haben echte Toilettensklaven gemeinsam: sie sind glücklich dabei!


    6. Sucht


    „Sie sind glücklich dabei“, habe ich eben behauptet – ja!, es sei denn, sie empfinden das, was sie tun, als eine für sie belastende Sucht, gegen die sie nicht ankommen. Schon KV-Altmeister Jean Louis hat davor gewarnt. Diese Sucht kommt vor allem dann zur Geltung, wenn man – was bei den meisten der Fall ist – für die Erfüllung solcher Wünsche auf Studios, Dominas, Bizarrladies angewiesen ist und jedes Mal einen nicht unansehnlichen „Tribut“ leisten muss. Da kann die Sucht –ähnlich wie andere Süchte, z.B. die Spielleidenschaft – zum finanziellen Ruin führen.


    Hier hilft nur eines: man muss bemüht sein, seine Neigung zu kontrollieren und nicht einem absoluten Zwang zu erliegen. Ich bin mir wohl bewusst, dass dies leicht gesagt ist, aber etwas anderes bleibt einfach nicht übrig.


    Und im übrigen gilt: wenn du nicht riskieren willst, süchtig zu werden, dann fange erst gar nicht mit NS-/KV-Praktiken an. Es sei denn, du bist deiner sicher, dass die Sache, wenn du sie einmal ausprobierst und vielleicht gelegentlich wiederholst, nicht zur Gewohnheit wird. So wie es Leute gibt (als starker Raucher beneide ich sie!), die ab und zu mal ein paar Zigaretten rauchen und dann wieder tage- oder wochenlang nicht.